Neues aus der Klinikseelsorge

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Was Deiner Seele GUT tut

Gibt es ein Genug? Vom Getriebensein zur Vorstandsklausur mit sich selbst...

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53 - Gibt es ein Genug? Vom Getriebensein zur Vorstandsklausur mit sich selbst...

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Klinikbesucherin, Jana Müller nenne ich sie. Wir kamen eher, wenn man das so sagen kann, zufällig miteinander ins Gespräch. Draußen auf dem Klinikgelände saß sie auf einer der Bänke, das Wetter war schön – und die Sonne recht kräftig, sie schien auf jemanden zu warten und sie machte einen besorgten Eindruck. Ich stellte mich kurz als der Klinikpfarrer dieser Hessen-Klinik vor – und fragte, ob neben ihr noch ein Platz frei wäre. Sie bat mich, Platz zu nehmen. Als sie mir das sagte und in meine Richtung schaute, hatte ich den Eindruck, sie würde fast schon durch mich hindurch schauen.

Altersmäßig schätze ich die blonde, junge Frau so Mitte 30, vielleicht kurz vor dem 40. Geburtstag. Mein Eindruck war, dass sie Mitten im Leben steht – und davon deutlich mehr auf der Sonnenseite. Erfolgreich, extrovertiert. Insofern genoss ich erst mal einen Moment in der Sonne und der Ruhe und wartete ab, ob sie das Gespräch eröffnete. So saßen wir einige wenige Minuten schweigend nebeneinander bis von ihr die Frage kam: Herr Pfarrer, gibt es ein genug und darf ich auch mal nein sagen?

Beim ersten Teil der Frage ging schon mein Kopfkino an, lieferte in Sekundenbruchteilen Ideen: Was an genug – hier im Krankenhaus – ist eine Verwandte hier und geht es um mehrere mehr oder minder schlimme Krankheiten, vielleicht sogar einige Sterbefälle in Folge. Vielleich ist sie auch heute hier in Vorbereitung auf irgendeine Operation – oder sie wartet auf ein Ergebnis – vielleicht aus einer letzten Untersuchung.

Aber da war gleich der zweite Teil ihrer Aussage – darf ich auch mal nein sagen? Der machte mich hellhörig. Darf ich fragen, zu was sie gerne nein sagen möchten? Sie schaute in die Sonne, es war Ruhe, von Ferne hörte man die Straße, ich wartete und merkte, dass sie Worte suchte, um das zu beschreiben, was sie meinte.

Kennen sie das? Sie haben unzählige Möglichkeiten können nicht aufhören...- Aufhören was? Wieder eine kurze Pause, dann sagte sie … wann ist genug genug? Ich merkte, wie sie weiter nach Worten suchte. Ich musterte sie von der Seite, weil ich eine Idee haben wollte, davon in welche Richtung unser Gespräch weitergehen würde. Meine spontaner Gedanke war Hamsterrad – golden und gut drehend.

So sagte ich etwas leise, aber so dass sie es hören konnte, vor mich hin: Entdecke die Möglichkeiten. - das ist aufregend, aber irgendwann wird es anstrengend, weil man die Möglichkeiten nur entdecken, aber nicht genießen darf oder kann.

Es schossen ihr Tränen in die Augen, ich sollte es erst einmal nicht sehen, reichte ihr dann aber ein Taschentuch. Ja, ich muss die ganze Zeit auf neue Möglichkeiten treffen, sei es beruflich oder privat, aber dann muss ich auch schon wieder weiter. Als ob ich wieder neue Möglichkeiten suchte, ich will nichts verpassen, ich bin ja noch so jung – ich muss meine Zeit ja nutzen … aber das kostet mich viel Kraft. Deutlich hörbar atmete sie aus.

Das hört sich an, wie rastlos, wie getrieben – und wie eine Sehnsucht danach, anzukommen und wenn es erst einmal für einen Moment-vielleicht einen längern Moment ist. bot ich ihr an. Sie nickte wortlos. Und dann sah sie mich mit einem Blick an, als wollte sie mir sagen: Und du Pfarrer kannst mir da auch nicht helfen. Und das was ich da früher mal von der Kirche mitbekommen habe, das trägt mich nicht – zumindest jetzt nicht, oder ich weiß nicht wie.

Jetzt brauchte ich Feldkompetenz, und so fragte ich sie erst einmal in eine ganz andere Richtung. Welchem Beruf sie nachginge? Nach einem kleinen Oops, erzählte sie mir von ihrer Image und PR-Agentur mit zwei Angestellten und einigen freien Mitarbeitern.

Hier wollte ich nun noch etwas mehr wissen: Was müsse ich denn brauchen, wenn ich ihr Kunde werden wollte. Von meiner Frage war sie zunächst irritiert, war aber sogleich wieder in der Rolle der Agenturchefin, und spielte mein Gedankenspiel sogleich, fast automatisch mit und spulte ihr Angebot fast wie auf Knopfdruck schnell herunter. Da mir aus vielen Kontakten u.a. mit den Wirtschaftsjunioren die Agentursprache nicht ganz fremd ist, konnte ich recht gut folgen. Und wie erfolgreich sie sei und wieviel Kunden sie schon weiter empfohlen hatten.

Also wiederholte ich ihr Angebot nochmal mit meinen Worten – aber deutlich langsamer gesprochen. Ihr Schwerpunkt sind die Konzepte und die kundenorientierten Texte, die entsprechenden Recherchen und Videos und Bilder steuerten die festen und Freien hinzu, und sie hatte einen weiteren Dienstleister, der das Endprodukt entsprechend online für die Kunden umsetzte. Sie nickte

Und so fragte ich sie, wie sie einen solchen Auftrag anginge – Erst mal ein Auftrag- und Ziel gespräch, meinte sie – sie wolle den Kunden auch gut kennenlernen, wissen wie er ticke. Mit ihm ins Gespräch kommen. Dafür nehme sie sich richtig viel Zeit. Je besser ihr das gelinge, desto erfolgreicher ist nachher das Projekt. Und dann setze sie superschnell um. Und dann ist ihr wichtig, dass der Kunde den Erfolg des Projektes feiern kann, wenn sie kann, ist sie dann auch gerne am Ende der Umsetzungsphase dabei. Und als sie das so sagte, merkte ich schon, wie ihre eigenen Worte etwas mit ihr machten...

Und so fasste ich zusammen und fragte: Wie würde sie jetzt mit einer Kundin anfangen, die noch vor kurzem ein erfolgreiches aber sehr rastloses Image hatte und sich jetzt zu einem erfolgreichen und genussvollen Image weiterentwickelt und dieses bereits jetzt mit ihr vorbesprechen will. Sie merkte, woraufhin ich hinauswollte. Sie sagte von sich, dass sie sich für die Kundin ausreichend Zeit nehmen müsse … aber dann...- fragende Stille...

So dachte ich halblaut in dieses Schweigen hinein: Müssen und genießen schließen sich allermeist gegenseitig aus. Genuss braucht es, für diesen einen Moment loslassen zu können, die Freiheit von Raum und Zeit zu spüren, sich für genau diesen Moment um nichts sorgen zu müssen – letztlich sich selbst in diesem Moment als lebendig und authentisch zu erleben und zu spüren.

Und wie mache ich das? Fragte sie mich. Im Klinikumfeld bin ich der Klinikpfarrer und da arbeite ich sehr klar. Ich habe ihr empfohlen, dass sie sich für sich selbst Zeit nehmen möge, mindestens so viel und so intensiv wie für jeden anderen Kunden. Sehr viel gewinnbringender wäre es allerdings, wenn sie sich dabei von einem erfahrenen Coach begleiten lassen würde.

Und hier geht auch das Gespräch auf der Klinikbank langsam zu Ende.

Was ich aus Gründen der Rollenklarheit in meiner realen Klinik gegenüber Jana Müller nicht gesagt habe – aber Ihnen kann ich es hier sagen – zumal ich mit meiner zweiten beruflichen Identität den Podcast sponsere: Unter dem Namen „Stille:Zeit“ begleite ich seit rund 14 Jahren Unternehmer und Führungskräfte wie eben Jana Müller in individuellen Auszeiten im Schweigen im Kloster.

Wäre das für sie interessant? Vielleicht sogar sehr interessant, dann kommen Sie auf meine Seite www.stefanhund.com und nehmen mit mir Kontakt auf oder rufen mich an. Für die Auszeit im Juli 18 gibt es aktuell noch mind. Einen Platz. Herzliche Grüße Ihr Stefan Hund


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Über diesen Podcast

Als evangelischer Klinikpfarrer gehe ich oft in meinen Bereichen von Zimmer zu Zimmer, besuche Patienten und schenke ihnen Zeit und biete ihnen ein Gespräch an.

Manche stehen der Kirche nah. Die meisten haben den Kontakt fast verloren oder hatten bislang sehr wenig Berührungspunkte. Und doch, hier ergeben sich regelmäßig gute, intensive und lange Gespräche. Bei manchen steht am Ende kein Punkt - sondern ein Doppelpunkt.

Aus jenen eher zufälligen Begegnungen sowie aus den Einsätzen im Intensiv-Bereich - wenn es um Leben und Tod geht - entwickle ich Podcast-Folgen. Ebenso lade ich regelmäßig Gäste zum Gespräch ein.

Ich freue mich über Ihr Feedback: podcast-Klinikseelsorge ( ) stefanhund.com

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Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen: www.stefanhund.com

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Die Musik für diesen Podcast kommt von Stefan Mann, Kantor in Darmstadt-Eberstadt. Herzlichen Dank.
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von und mit Stefan Hund

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